„KLIMA IST EIN SCHEISSTHEMA!“
14. März 2022
Foto: Anja Bleyl
Der vorliegende Text ist eine schriftliche Fassung von Mirko Derpmanns mündlichem Statement „Klima ist mir scheißegal!“ auf der CARBONALE am 27.11.2021. Um die Lesbarkeit zu erhöhen, haben wir den Text leicht adaptiert und gekürzt. Die Inhalte sind unverändert.
Ich bin tatsächlich gefragt worden, ob ich hier ein bisschen aus der Kommunikations- und Werbe- Perspektive über Klimawandel-Kommunikation reden kann. Und ich muss Euch enttäuschen. Ich kann leider nicht genau sagen, wie man das tun sollte.
Ich fange erst mal damit an: Warum ist es so schwierig, Klima-Kommunikation so zu machen, dass die Leute endlich sagen: „Yeah, da bin ich dabei, ich kämpfe hiermit gegen den Klimawandel!“? Dass Politik sich am Riemen reißt, dass alles getan wird? Und das, obwohl ja seit 50, 60 Jahren eigentlich alle Fakten auf dem Tisch liegen.
Das liegt im Kern daran, dass der Klimawandel für jemanden, der Kommunikation machen will, tatsächlich eine einzige Katastrophe ist. Es ist eigentlich das schlimmste Thema, das man sich vorstellen kann. Das hat 100 verschiedene Gründe - aber man kann es auch einfach abkürzen und sagen: Es liegt daran, dass das menschliche Gehirn nicht verdrahtet ist, um ein solches Problem wie den Klimawandel zu begreifen, anzugehen und zu lösen. Denn Menschen und ihre Gehirne sind über Jahrhunderte, Jahrtausende von Evolution darauf selektiert worden, sehr erfolgreich bestimmte Probleme zu lösen. Dazu gehören Tiger im Gebüsch; was zu Essen finden; Liebe, Sex und Partnerschaft vielleicht auch noch, obwohl da schon die Problemlösungskompetenzen ungleich verteilt sind. Aber das sind so die Probleme in unserem Umfeld, mit denen wir eigentlich sehr gut zurechtkommen und wo dieses Klick! - ich weiß, was ich tue, ich denke gar nicht lange drüber nach - super funktioniert.
Der Klimawandel ist das absolute Gegenteil davon. Es fängt ja schon damit an, dass kein Mensch weiß, was Klima ist. Diese Unterscheidung: „Was ist Klima, was ist Wetter?“ muss ja dauernd gemacht werden. Ich weiß nicht, ob sich da alle noch dran erinnern: Es gab mal einen Senator vor ein paar Jahren, der kam als es draußen schneite mit einem Schneeball zu einer Klimawandel-Debatte im US-Senat und sagte: „Es gibt keinen Klimawandel - ich habe einen Schneeball, um es zu beweisen!“
Also dieses „Was ist Klima, was ist Wetter?“ ist einfach wahnsinnig kompliziert. Und Wissenschaftler kommunizieren das natürlich immer total korrekt und sagen, „Also ob das jetzt genau Klima war, dass es jetzt so geregnet hat, oder hier so geschneit hat…., das können wir nicht sagen…wir haben hier Beobachtungsdaten über hunderte von Jahren mit einem confidence intervall von X und Y…“ Es ist einfach so, dass diese Trennung zu machen wahnsinnig schwierig ist.
Die Menschen interessieren sich in erster Linie fürs Wetter. Und wenn man ihnen sagt: „Wetterveränderungen über 10 Jahre sind mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Anzeichen für den Klimawandel…“, dann ist das für das menschliche Gehirn, das sehr konkret gepolt ist und die Dinge einfach irgendwie klar haben will, sehr schwierig.
Das zweite Problem ist, und das ist vielleicht fast noch größer, dass Menschen Kausalität so lieben. Also so: Man ist in der Kneipe, X beleidigt Y und Y hat X aufs Maul. Das ist eine total klare Korrelation und eine total klare Kausalität. Was ist hier passiert, was ist die Ursache und was ist die Folge gewesen? Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum, wenn man heute irgendwann mal das öffentlich rechtliche Fernsehen einschaltet, die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass irgendwelche Schweden oder Norweger einen Kriminalfall lösen. Krimis sind für Menschen das Perfekte, weil die Ursache, die ursprüngliche Tat, die Wirkung und die Aufklärung, also die Erklärung des Ganzen, in 90 Minuten zusammen komprimiert sind. Und hinterher sagt man: Ja! Es ist gelöst, es ist wunderbar! Das mögen Menschen, diese Kausalität.
Der Klimawandel hat jetzt die Schwierigkeit, dass die Kausalität, Ursache und Wirkung 100 bis 200 Jahre auseinander gezogen sind und dass man eigentlich sagt: „Der Strom, den mein Opa in den 60ern verbraucht hat, sorgt dafür, dass in 50 Jahren die Malediven absaufen.“ Das ist eine sehr, sehr schwierige Kausalität. Und das kriegen die Menschen einfach nicht zusammen. Es ist räumlich extrem gestreckt, es ist zeitlich extrem gestreckt.
Überhaupt diese Vorstellung: Was wird sein in 100 Jahren? Was wird sein in 50 Jahren? Das hat es, glaube ich, über Jahre hinweg sehr schwierig gemacht, den Klimawandel mit der notwendigen Dringlichkeit in die Köpfe der Menschen zu bringen und sich mit potenziellen Zukünften so auseinanderzusetzen, dass man Entscheidungen trifft.
Dazu kommt, dass Klimawandel keinen richtigen, glasklaren Bösewicht hat. Natürlich ist es so, dass viele Menschen protestieren, sich aufregen, Petitionen schreiben gegen Ölkonzerne, Kohlekonzerne und so weiter. Das sind jetzt Bösewichte, klar. Aber irgendjemand verbraucht ja diesen Strom auch und irgendjemand zieht ja die Klamotten an, die produziert werden. Und irgendjemand fährt ja auch mit den Autos, die da gebaut werden. Insofern: der Bösewicht sind wir alle. Und das ist natürlich doof, weil die Verantwortung dann nur noch sehr schwierig zuzuweisen ist. Aber irgendjemand muss ja verantwortlich sein, um sein Verhalten ändern zu können, eben damit sich etwas ändert.
Aktuell sieht diese Verantwortung so aus: Wenn ich beschließe, dass ich nach Mallorca fliegen will weil es mir hier zu kalt ist, verursache ich mit diesem Flug ein Millionstel Teil von einem Millionstel Grad in 50 Jahren. Und jetzt kann ich mir selber überlegen: Zwei Wochen auf Malle Party machen, am Strand liegen oder ein Buch lesen und eine gute Zeit haben. Oder ich kann mich entscheiden, dieses Millionstel Grad von einem Millionstel Grad in 50 Jahren nicht auszulösen. Dies wird ja erst durch die Menge der Menschen überhaupt zu einem relevanten Beitrag. Und deswegen ist es für die Leute wahnsinnig schwierig, auch Verantwortung zu übernehmen, weil in jedem kleinen Teil nur ein so winziger Bruchteil von Klimaveränderung steckt, dass es fast unmöglich wird, zu sagen: Hier kann man eine klare Verantwortung zuweisen und das muss eigentlich geändert werden. Obwohl wir alle wissen, dass etwas geändert werden müsste.
Hinzu kommt, finde ich, noch ein Argument. Vor ein paar Jahren war dieses YOLO mal das totale Schlagwort (You Only Live Once). Wir sind alle so ungefähr plus oder minus 80 Jahre auf diesem Planeten unterwegs. Das heißt, wir haben 80 Sommerurlaube. An zehn davon am Anfang kann man sich nicht erinnern, zehn am Ende wird man vielleicht im Heim verbringen und dann sind dazwischen noch 60. Und das für ein Leben, das man ja nur einmal lebt. Man möchte einmal Kanada sehen oder Australien. Und wenn dann jemand sagt: „Nein, nein, das ist eine Tonne CO2, das kannst du nicht machen!“ – dann laufen da sehr konkrete Pluspunkte gegen sehr, sehr abstrakte Folgen, die man damit verursacht. Es ist daher sehr schwierig, sich den Menschen so zu nähern, dass sie das auch verstehen.
Ein ganz großes Ding ist auch: Was ist eigentlich die Belohnung, wenn ich mich anstrenge? Die meisten Menschen denken ja, „Ich verzichte auf was, ich strenge mich an, ich tu doch alles richtig. Ich war im Bioladen und so weiter. Hier ist mein Lastenfahrrad. Was ist denn meine Belohnung?“
Das Problem ist, so wie es jetzt gerade aussieht, dass es leider nicht besser wird. Selbst wenn wir es jetzt schaffen, wirklich unseren CO2-Ausstoß runter zu bringen, dann wird es eine kürzere Zeit schlechter werden als sonst. Wir können also gar nicht irgendetwas Positives für uns selbst erreichen oder für die Menschen, mit denen wir zusammenleben. Wir können lediglich etwas einbremsen oder es auf Null bringen, wenn wir uns richtig krass anstrengen - aber das ist ja keine richtige Belohnung.
Die Dinge, die in den kommenden 10, 20 Jahren an Extremwetterereignissen passieren werden, die können wir jetzt schon nicht mehr verhindern. Die sind schon passiert. Es gibt ganz viele Dinge, die wir schon gar nicht mehr ändern können durch unser Verhalten jetzt. Und das ist für viele Menschen deprimierend und demotivierend.
Man kann insgesamt also sagen, dass der Klimawandel der Kommunikation, der freudvollen oder der motivierenden Kommunikation, viele Steine in den Weg legt. Sowohl im Verständnis aber auch im „Was soll ich tun?“, also der Kernfrage, die letztendlich aktiviert und die dazu führt, dass wirklich die Menschen ihr Verhalten verändern.
Alles, was ich bis gerade gesagt habe, gilt für Menschen allgemein. Und ich würde sagen, es galt bis vor zwei Jahren. Denn jetzt hat sich etwas fundamental verändert. Man könnte sagen, global gesprochen: Die Intensivstation ist voll. Die Leute kriegen Dürre mit in Deutschland, auch Starkregen und Überschwemmungen. Die Leute sehen Australien und Kalifornien. Jetzt fängt was an, was evolutionär wirklich sehr stark ist: der Tiger im Gebüsch. Jetzt kippt die Angst. Und in dem Moment, wo man individuell betroffen ist, hat man natürlich noch mal einen ganz anderen Motivator zu sagen: „Okay, Klimawandel, ich glaub jetzt dran. Was kann ich tun? Das kann so nicht weitergehen.“
Vor 20, 30 Jahren hat mir mein Bruder das Buch An Inconvenient Truth geschenkt. Ich hätte damals niemals gedacht, dass es so schnell geht, dass Klimawandel so ein Thema wird. Zusätzlich hat sich mit Fridays for Future dann eine Generation eingeschaltet und die Kommunikation übernommen, die noch viel stärker in eine Welt hineingeboren ist, die von ihren Eltern und ihren Großeltern gebaut wurde und wo sie jetzt wirklich noch mal anders auch an Veränderung rangehen können.
Ich merke das ja in der Werbeagentur, was die Kundenanfragen angeht. Da spielen Klima und Vermeidungsstrategien inzwischen eine extreme Rolle. Und insofern kann man, glaube ich schon sagen, dass der Mensch zwar nicht dafür gemacht ist, aber jetzt peu à peu sein Gehirn doch dazu gezwungen wird, diese Dinge zu verstehen und nach Auswegen zu suchen.
Und der letzte Punkt ist, dass es tatsächlich immer mehr Dinge gibt die man tun kann, und die sich aber nicht ganz so nach Verzicht anfühlen. Das sind alle Narrative, die in Richtung New Green Deal gehen, also wo man sagt, wir können Wachstum durch grüne Technologien erzeugen. Das gilt z.B. für Tesla, die damals sagten: „Wir bauen nicht so eine kleine Sparbüchse, die dann elektrisch angetrieben ist, sondern das erste, was wir bauen, ist ein Sportwagen!“
Es gibt inzwischen schon sehr viele Initiativen, Menschen und Unternehmen, die sagen: Das muss man doch irgendwie so hinkriegen, dass es Leute auch mitzieht. Und es gibt gesellschaftlich eine Community, wo man dazugehören kann und es vielleicht auch möchte, weil ihr die Zukunft gehört.